FAIRTRADE

 

True Costs – Die wahren Kosten von Lebensmitteln

09.11.2020 von Marie Fechner

 

Die meisten werden sich unter dem Begriff „True Costs“, also „wahre Kosten“, nicht wirklich etwas vorstellen können. Und das ist erst einmal nicht sehr verwunderlich, denn hierbei handelt es sich um ein kompliziertes Forschungsthema. Und doch ist es unerlässlich, dass darüber gesprochen wird und dass dieses Thema langfristig auf die gesellschaftliche und politische Agenda kommt.

 

Die Frage hinter den „True Costs“ lautet: Was kosten uns Lebensmittel wirklich? Soviel sei an dieser Stelle gesagt: Der Ladenpreis ist nicht der wahre Preis. Denn „True Costs“ bezeichnen eine Vollkostenrechnung für Lebensmittel, die neben der Pacht des Bodens und dem Lohn des Landwirts auch die Auswirkungen auf Luft und Wasser, Bodenqualität und Gesundheit mit einkalkuliert. Das sind also Kosten, die erst nachgelagert entstehen und die deshalb nicht im Ladenpreis enthalten sind. Jetzt könnten wir uns alle denken: „Was nicht im Preis der Lebensmittel enthalten ist, zahlen wir ja nicht und könnte uns daher egal sein.“ Das stimmt aber nicht, denn wir alle bezahlen sehr wohl einen Teil dieser Kosten und dieser Teil ist je nach Lebensmittel gewaltig.

 

Dr. Tobias Gaugler und sein Team vom Institut für Materials Resource Management der Universität Augsburg untersuchten diesen Sachverhalt und stellten fest, dass Lebensmittel mehr kosteten, wenn die Folgekosten für Umwelt und Gesellschaft bei der Lebensmittelproduktion mit eingepreist würden. Einige nur vier oder sechs Prozent, doch andere fast 200 Prozent mehr.

 

Auch in Großbritannien wurden die wahren Kosten von Lebensmittel untersucht. Die britische Stiftung für nachhaltige Lebensmittel „Sustainable Food Trust“ hat eine Studie veröffentlicht, die deutlich macht, dass unsere momentanen Lebensmittel trügerisch niedrig sind. Es fehlten die „versteckten Kosten“, worunter hier z.B. Gesundheitskosten durch Stickoxide, Feinstaub und Treibhausgase sowie Schäden durch Bodenerosion und Überdüngung von natürlichen Lebensräumen gemeint sind, die bei der Lebenserzeugung entstehen. Diese Folgekosten der Lebensmittelherstellung zahlen wir u.a. mit der Wasserrechnung für die Aufbereitung von Trinkwasser, welches aufgrund von Düngemitteln belastet ist, oder über Steuern und Krankenkassenbeiträge. Oder aber, wir zahlen sie gar nicht, sondern verlagern sie. Auf die Natur, auf die Menschen im globalen Süden oder schlichtweg auf zukünftige Generationen. Und dieses unser Verhalten zeigt bereits deutliche negative Auswirkungen: Insektensterben, den Rückgang der Tropenwälder und Korallenriffe und die Erderwärmung sind nur einige.

 

„Unsere Untersuchungen offenbaren eine teils enorme Differenz zwischen den aktuellen Erzeugerpreisen und den wahren Kosten“, sagt Dr. Gaugler und erklärt, dass die höchsten externen Folgekosten und damit die damit größten Fehlbepreisungen mit der Produktion konventionell hergestellter Nahrungsmittel tierischen Ursprungs – und darunter insbesondere konventionell produzierte Fleisch- und Wurstwaren – einhergehen. Bei tierischen Produkten ist die Höhe der externen Kosten vor allem durch die energieintensive Aufzucht der Nutztiere, also durch den Futtermittelanbau, die Beheizung und Belüftung der Ställe bedingt. Hinzu kommt, dass der Stoffwechsel der Tiere zu Austragungen von reaktivem Stickstoff und von Treibhausgasen führt. Der Energiebedarf von Nutztieren ist folglich bedeutend höher als bei pflanzlichen Produkten, was zu dem Schluss führte, dass Fleisch- und Wurstwaren auf Erzeugerebene dreimal so hoch sein müssten wie derzeit.

 

Solche ‚Vollkostenrechnungen‘ wie an der Universität Augsburg oder in Großbritannien wurden auch bereits 2016 in Ägypten im Auftrag des ägyptischen Landwirtschaftsministeriums angestellt. Mehrere Institutionen hatten dafür die Gesamtkosten von konventionell und biologisch angebautem Mais, Kartoffeln, Reis, Weizen und Baumwolle berechnet und neben den regulären Produktionskosten auch die Schäden am Klima, Boden und Wasser ermittelt und in die Rechnungen mit einbezogen.

 

Es hat sich gezeigt, dass die ägyptischen Bio-Produkte – obwohl sie in ihrer Erzeugung teurer sind – viel geringere gesellschaftliche Kosten verursachen und demnach auf lange Sicht deutlich günstiger sind.

Doch das aktuell vorherrschende Problem – und das gilt vermutlich für die meisten von uns, mich nicht ausgeschlossen – ist doch Folgendes: wenn die wahren Kosten nicht auf dem Preisschild stehen, kaufen wir automatisch mehr davon, da die Produkte günstiger scheinen, als sie eigentlich sind. So kommt es auch, dass immer weiter die Lebensmittel produziert werden, die uns in Wahrheit teuer zu stehen kommen. Und wer sich jetzt denkt: „Aber ich kaufe doch (fast) ausschließlich Bio- oder Fair Trade Produkte“, der sollte unbedingt damit weitermachen, denn das ist mit Sicherheit ein sehr guter Weg. Doch in der Gesamtheit werden in Deutschland noch immer über 90% unserer Lebensmittel konventionell hergestellt und diese Entwicklung ist nicht von heute auf morgen entstanden. Es ist das Ergebnis unseres Ess- und Konsumverhaltens der letzten Jahre und Jahrzehnte, gepaart mit technischen Fortschritten und der Globalisierung. Von daher gibt es nicht wirklich einzelne Schuldige, sondern viele Mitverantwortliche. In vielerlei Hinsicht sind auch die Landwirte mehr Opfer als Bösewichte. Das zeigt sich daran, dass viele Produzenten in den vergangenen Jahren gezwungen waren, ihren Betrieb aufzugeben, weil die Preise unter den Produktionskosten liegen.

 

Was wir also benötigen, sind neue politische Ausrichtungen und vor allem gebündelte Kräfte in allen Segmenten: bei den Bürgern, in der Landwirtschaft, im Handel, in der Wirtschaft und in der Bildung. Eine gute Sache ist, dass auch immer mehr prominente Bürger auf dieses Thema aufmerksam machen und dieses Forschungsfeld unterstützen, wie z.B. Prinz Charles und die niederländische Königin Maxima.

 

Quellen:

https://www.rnd.de/wirtschaft/penny-eroffnet-ersten-erlebnismarkt-in-spandau-und-zeigt-wahre-kosten-der-artikel-WR47B2K5SJAPZJ6N664VDKTMVI.html

https://www.bzfe.de/nachhaltiger-konsum/grundlagen/true-cost-wahre-kosten/

https://institut-fuer-welternaehrung.org/studie-universita%CC%88t-augsburg-how-much-is-the-dish-was-kosten-uns-lebensmittel-wirklich

https://www.uni-augsburg.de/de/

https://www.sekem.com/de/100-organic/

 

 

Auf die Akteure kommt es an
Das Projekt Fairtrade-Stadt lebt von der Beteiligung der Bürger und Unternehmen

 

von Marie Fechner  28.10.2020


Nach dem letzten Artikel in den Beelitzer Nachrichten zum Thema Nachhaltigkeit soll es auch in diesem noch einmal um Faire Beschaffung, Fairen Handel und Beelitz als „Fairtrade Stadt“ gehen. Doch an dieser Stelle soll tiefer in dieses Thema eingegangen als zuvor.

Als sich Beelitz 2017 für die Auszeichnung als „Fairtrade Stadt“ bewarb, tat sie dies aus verschiedenen Gründen. Zum einen bestand der Wunsch mehr soziale Verantwortung übernehmen zu wollen und zum anderen konnte sich die Stadt dadurch als der engagierte Akteur und die innovative und weltoffene Kommune präsentieren, zu der sie sich zunehmend in den letzten Jahren entwickelt hat.

Dass sie darin erfolgreich war und ist, zeigt sich zum Beispiel in dem Beelitz-Kapstädter „Taschen-Projekt“. Hier wurde ein thematischer Austausch zwischen der Beelitzer Oberschule sowie dem Gymnasium und Kapstadt entwickelt. Die Schüler haben mit Unterstützung der Stadt selbst genähte Recycling-Taschen aus einem Township erhalten und konnten gleichzeitig durch die Erzählungen und Veranschaulichungen eines in Kapstadt ansässigen deutschen Expats erste Einblicke und ein Bewusstsein über die Unterschiede im Leben und der Kultur zwischen Südafrika und Deutschland entwickeln. In der Folge des Projekts sollen die Schüler noch stärker mit einbezogen werden. Einige Schüler hatten schon erste Ideen, so zum Beispiel mithilfe ihrer Schülerzeitung etwas zu kreieren, was wiederum den Südafrikanern ein besseres Bild über die Beelitzer Kultur geben soll. Hier werden sicherlich noch viele weitere Anregungen und Ideen entstehen.

Doch neben diesem und anderen Projekten geht es bei Beelitz „Fairtrade“ Auszeichnung auch um die Akteure der Stadt – die Geschäfte, Restaurants, Vereine, etc. – die selbst fair gehandelte Produkte verwenden, verarbeiten oder anbieten. Denn obwohl natürlich nichts über lokale Produkte geht, denen man quasi beim Wachsen zuschauen kann, weiß wohl jeder, dass unsere Breitengrade nur begrenzt unsere alltäglichen Wünsche befriedigen können.

Aus diesem Grund möchten wir an dieser Stelle gerne all die Akteure, die fair gehandelte und fair beschaffte Produkte verarbeiten, gebrauchen und/oder anbieten, bitten, uns eine Rückmeldung dazu zu geben. Unser Ziel ist es, alle Beelitzer Anbieter und Verwender von fair gehandelten Produkten auf der Beelitzer Homepage sichtbar zu machen, um sie einerseits für ihr Engagement zu honorieren und andererseits den Beelitzerinnen und Beelitzern eine Hilfestellung bei ihren Einkaufs- und Ernährungsmöglichkeiten zu geben. Bitte wenden Sie sich dafür an mich per Email an: fechner@beelitz.de.

Doch auch diejenigen, die bislang noch keine Berührungspunkte mit dem Fairen Handel hatten und sich – ob als Anbieter oder Nachfrager – stärker engagieren und mehr über dieses Thema erfahren wollen, können sich jederzeit an uns wenden. Denn fair gehandelte Produkte können vielfältig sein. Die meisten denken bei „Fairtrade“ vermutlich in erster Linie an Kaffee, Tee oder Bananen. Doch dass man beispielsweise auch bei der Rohstoffgewinnung für Holz und Holzprodukte (z.B. für Büromöbel) oder bei der Arbeitskleidung auf „faire“ Kriterien achten kann, kommt einem vielleicht nicht automatisch in den Sinn. Es gibt hier viele unterschiedliche Wege sich zu engagieren und wer mehr über entsprechende Siegel und Gütezeichen wissen will (denn das ist zugegebenermaßen eine recht komplizierte und schwer zu überblickende Angelegenheit), kann sich gerne an uns wenden.

Marie Fechner, Koordinatorin für Entwicklungspolitik

 

   

 

Taschen aus der Township für Beelitzer Schüler

von Antje Schroeder   09.10.2020

 


Was ist der Unterschied zwischen Recycling und Upcycling? Ein Junge aus der 7. Klasse der Beelitzer Solar-Oberschule weiß Bescheid: während beim Recycling nur die Rohstoffe geschreddert und wiederverwendet werden, entstehen beim Upcycling aus nicht mehr benötigten Produkten oder weggeworfenen Materialien in oft sehr kreativer Art und Weise neue Dinge. Das Ergebnis konnten die Schülerinnen und Schüler der 8. Klasse diese Woche gleich selbst in Empfang nehmen: Sie bekamen die Umhängetaschen aus fairem Handel, die drei südafrikanische Näherinnen aus einer Township bei Kapstadt für sie aus Werbebannern und anderen Planen genäht haben. Auch am Gymnasium wurden derartige Umhängetaschen aus fairem Handel an die Schüler überreicht. Das Projekt ist Teil der Kampagne „Fair Trade Town“, in der Beelitz Mitglied ist.

 
Es ist eine sehr spezielle Unterrichtsstunde hier in der Solar-Oberschule. Der gebürtige Potsdamer Peter Kirsten hat das Label „Re-load – Bags for the world“ ins Leben gerufen, in dessen Rahmen die Taschen für die Beelitzer Schüler hergestellt werden. Er ist derzeit Corona-bedingt in Deutschland und erzählt den Schülerinnen und Schülern der 7. und der 8. Klassen über seine zweite Heimat Südafrika, in die er vor zwölf Jahren ausgewandert ist. Laufen dort Löwen oder Geparden durch die Straßen? Natürlich nicht. Man kann sie aber auf Safaris sehen. Und Kirsten zeigt den Schülern ein besonders eindringliches Bild eines Kampfes zwischen einer Löwin und einem Löwen, den die Löwin am Ende leider nicht überlebt hat.

Viele Teile Kapstadts wirken auf den Fotos wie in einer europäischen Stadt. In einem Einkaufszentrum ist sogar ein Laden der Marke Adidas zu sehen, wie viele Schüler gleich bemerken. In den südafrikanischen Schulen tragen die Kinder Uniform – Nagellack ist verboten, wie Kirsten einem Mädchen auf dessen Frage hin bestätigt. Ein Junge will wissen, ob es Steckdosen gibt, um Handys aufzuladen. „Ja natürlich, die haben alle Handys und Fernseher“, sagt Kirsten. Das sei für Südafrikaner kein Luxus – für viele seien Handys notwendig, um ein Mindestmaß an Kommunikation aufrechtzuerhalten und beispielsweise ihre Familie zu erreichen.

Gerade in den Townships leben viele Menschen, besonders die Schwarzen, in Armut. Kirsten zeigt auf dem Whiteboard des großen Klassen-Mehrzweckraums Fotos und Videos aus der Township Seawinds, in der seine freiberuflichen Näherinnen wohnen. Unter anderem auch etwas verwaschene aktuelle Aufnahmen, die seine Chef-Näherin Vanessa in ihrer Blechhütte – zugleich auch ihr „Näh-Atelier“ – aufgenommen hat. Seawinds ist eine große Township am Rande Kapstadts. Wie bei Vanessa sind die meisten Hütten in den Townships aus Wellblech, das die Bewohner irgendwo gefunden haben. Wenn es regnet, stellen die Bewohner Wassereimer unter die Löcher in der Decke, durch die es reintröpfelt. Heizungen gibt es in ganz Südafrika kaum und in den Townships erst recht nicht, obwohl im südafrikanischen Winter die Außentemperatur schon mal auf klamme fünf Grad Celsius sinken kann. Im Sommer wird es unter den Blechdächern dagegen extrem heiß.

Aktuell sind die Bewohner der Township, wie die Menschen in ganz Südafrika, von Corona und besonders den wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie gebeutelt. Schließlich sind viele Einnahmequellen weggefallen. „Wir wissen nicht, wie wir überleben sollen“, schreiben die Näherinnen auf der Homepage des Projekts. Die Südafrikaner machen aber oft viel aus dem Wenigen, das sie haben. Im Bus singen die Leute, statt stumm auf den Boden oder in ihr Handy zu starren. Kirsten zeigt ein Video von einem Stiefeltanz – südafrikanische Kinder und Jugendliche in Gummistiefeln stampfen rhythmisch auf die Erde und klatschen gegen die Stiefel – auch einige Schüler fangen an, mitzuschnalzen.

Gummistiefel als Musikinstrumente. Ähnlich pragmatisch geht es auch oft im wirtschaftlichen Leben zu. Ein Freund von Kirsten bewunderte eines Tages dessen Tasche aus einer alten LKW-Plane. Als er hörte, dass solche Taschen in Europa 100 bis 150 Euro kosten, schlug er vor, diese selbst herzustellen. Schon am nächsten Tag hatte der Freund Planen besorgt, Näherinnen organisiert und los ging es – ohne große Genehmigungen, wie das in Deutschland notwendig gewesen wäre. 140  Taschen haben die Näherinnen jetzt für die Beelitzer Schulen produziert, im nächsten Jahr sollen es 160  sein. Kirsten und seine Frauen stellen Taschen auch für Unternehmen, Anwaltskanzleien, Forschungsinstitute, Kongresse und weitere Kunden her. Die Näherinnen verdienen bei derartigen Aufträgen 20 bis 30 Euro am Tag – Geld, von dem sie Essen kaufen können oder vielleicht ein neues Stück Blech für die Hütte. Mit Erlösen aus dem Projekt wurde auch der Bau eines Kindergartens in der Township unterstützt.

An der Beelitzer Oberschule stellen die Schülerinnen und Schüler viele Fragen – ob man Nashörner streicheln kann, ob südafrikanische Frauen auch das Haus verlassen und warum Kirsten als Biologe nicht mehr im Labor arbeitet, sondern nach Afrika gegangen ist. „Ich finde es nicht das Wichtigste, dass man viel Geld verdient, sondern dass man an möglichst vielen Tagen sagen kann, die Arbeit macht mir Spaß“, sagt Kirsten.

Die Kinder der Solar Oberschule haben sich auch selbst viel mit den Taschen befasst und eigene Entwürfe gemacht. Diese seien sehr kreativ gewesen, sagt Kirsten, der sich besonders an ein Design mit einer Art Lichtorgel erinnert. Am Ende hat es leider nicht geklappt, dass jeder Schüler seinen eigenen Entwurf bekommen konnte. Das sei auch technisch gar nicht möglich gewesen, sagt Kirsten. Nicht zuletzt weil die Näherinnen für die Upcycling-Taschen eben die Materialien nutzen, die gerade vorhanden sind. Die Tasche sei aber „ganz cool“, sagt ein Mädchen aus der 8. Klasse. Ihre Freundin hebt hervor, dass die Näherinnen ein bisschen Geld verdient hätten. „Ich finde die Tasche gut“, sagt auch ein Mitschüler. Er werde sie für den Sport nutzen. Die Stadt übernimmt die Kosten von 30 Euro pro Tasche.

Die Taschen-Aktion sei ein „sehr schönes Projekt“, sagt die Koordinatorin für kommunale Entwicklungspolitik in der Stadtverwaltung, Marie Fechner. Sie ist seit August über die „Servicestelle Kommunen in der Einen Welt“ in Beelitz tätig, einem vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und von den Bundesländern geförderten Kompetenzzentrum für kommunale Entwicklungspolitik. Beelitz ist neben Baruth die einzige Brandenburger Kommune, die Fördergelder aus diesem Topf erhält. Fechner lobt, dass die Schulen und die Stadtverwaltung hier gleichermaßen ein entwicklungspolitisches Projekt unterstützen – und die Schüler davon profitieren könnten. Derzeit organisiert sie auch eine Wanderausstellung zum Thema „fairer Handel“. Außerdem hat Beelitz seit diesem Jahr eine Partnerschaft mit der südafrikanischen Kommune Witzenberg, mit der die Spargelstadt demnächst gemeinsame Projekte starten möchte. Demnächst finden an den Schulen auch wieder Workshops statt – dieses Jahr zum Thema „Soziale Gerechtigkeit und Digitalisierung“. Neben der entwicklungspolitischen Zusammenarbeit ist Fechner ständig auf der Suche, wie die Stadt, ihre Wirtschaft und die Bewohner noch nachhaltiger wirtschaften können. Unter anderem hat sie auch schon Gespräche darüber geführt, ob man Spargelfolie recyceln kann – oder vielleicht sogar upcyceln.

www.reloadbags.wordpress.com

 

 



Kurt Dahms von Transfair Deutschland mit Sozialausschuss-Chefin Christel Niederland und Projektkoordinator Michael Steinland    - Foto 2019

 


 

 

Beelitz handelt fair

Informationen aus unserer Stadt 27. Jahrgang | Nr. 6 | 26. Juni 2019 BN

Als 600. Kommune in Deutschland ist die Spargelstadt jetzt als Fairtrade-Town geworden

Spargelstadt, Kinder- und familien-freundliche Kommune, Stadt mit historischem Stadtkern – und nun Fairtrade-Town: Als 600. Kommune in Deutschland hat Beelitz jetzt Brief und Siegel darauf bekommen, dass es sich für fairen Handel einsetzt. Nach einem umfangreichen Bewerbungsverfahren hat der Verein Transfair Deutschland e.V. die Spargelstadt nun als „Fairtrade-Town“ anerkannt, die offizielle Verleihung erfolgte im Rahmen des Spargelfestes.

„Es ist ein kleines Zeichen einer kleinen Stadt“, sagte Bürgermeister Bernhard Knuth während der Übergabe der Ernennungsurkunde am 2. Juni auf der großen Bühne in der Altstadt. Brandenburgs Landwirtschaftsminister Jörg Vogelsänger hielt dem entgegen, dass es viel mehr als das sei: Beelitz leiste auch in dieser Hinsicht Großes.

Im Rahmen des vor anderthalb Jahren gestarteten Bewerbungsverfahrens hat sich die Stadt nicht nur selbst verpflichtet, auf Fairtrade-Produkte zu setzen, sondern auch Partner vor Ort eingebunden. Dazu gehören Händler wie der Edeka-Markt Senteck, die Beelitzer Filialen von Aldi und Getränke Hoffmann, die Bäckerei Exner, C&M Wollmäuse, die Geschäfte Ein Buchladen und Brillen im Schmiedehof, das Café im Barfußpark und der Gewerbeverein insgesamt. Auch die Evangelische Kreuz-Kirchengemeinde Bliesendorf, die den Fairen Handel im Rahmen ihrer Gemeindearbeit immer wieder thematisiert, ist dabei, ebenso wie die SG Blau-Weiß Beelitz als größter Verein in der Stadt. Die Kitas und Schulen spielen eine große Rolle und legen ein starkes Engagement an den Tag: Zuletzt wurden im Rahmen eines internationalen Projektes Schultaschen durch die Schüler der beiden weiterführenden Schulen entworfen, die in Südafrika zu fairen Konditionen unter anderem aus alten Kunststoffbannern, die nach der Fußball-WM 2010 keine Verwendung mehr fanden, genäht wurden.

„Unsere Stadt steht in erster Linie für Regionalität und den Genuss saisonaler Erzeugnisse, die bei uns angebaut und verarbeitet werden. Aber natürlich sind auch wir Teil dieser Welt und auch hier beziehen die Menschen Produkte aus anderen Ländern“, so Bürgermeister Bernhard Knuth im Vorfeld. „Umso wichtiger ist es, genau da ein Zeichen zu setzen. Denn wie unsere Erzeuger hier, möchten auch die Menschen in anderen Ländern gut von ihrer Arbeit leben können.“ Neben vernünftigen Preisen spielen auch soziale Aspekte, allem voran Arbeitnehmerrechte in den Produktionsländern, sowie ökologisch nachhaltige Anbaumethoden eine Rolle für das Fairtrade-Prinzip, das es seit mehreren Jahrzehnten gibt – und unter dem neben Kaffee, Kakao und Schokolade mittlerweile auch Bekleidung, Sportartikel oder Blumen produziert werden.

„Kommunales Engagement ist der Schlüssel, um die Nachhaltigkeitsziele umzusetzen und fairen Handel zu verankern“, erklärte Marlehn Thieme, Vorsitzende des Rates für nachhaltige Entwicklung, der die Bundesregierung unterstützt. „Dazu gehört, das Bewusstsein für ethischen Konsum bei den Bürgerinnen und Bürgern zu stärken und die öffentliche Beschaffung fair und ökologisch zu gestalten. Die Kampagne Fairtrade-Towns leistet dazu einen bedeuten-den Beitrag“, so Thieme weiter. Schließlich gehören Kommunen zu wichtigen Einkäufern: Von Fairtrade-Kaffee in öffentlichen Einrichtungen bis zu Berufskleidung mit fairer Baumwolle – die Mengen, die sie einkaufen, machen auch kleinere Städte wie Beelitz zu wichtigen Handelspartnern. Red.
 

 

Beelitz  2018 08 29

Modische Akzente im Schulalltag - mit Taschen aus fairem Handel
 
Der alte Rucksack hat ausgedient: Die Achtklässler der beiden weiterführenden Schulen in Beelitz setzen im Alltag jetzt eigene Trends - mit selbst entworfenen und handgefertigten Umhängetaschen aus fairem Handel. Im Unterricht hatten die Jugendlichen ihre Ideen skizziert und zusammengetragen, genäht wurden die Taschen in Südafrika. Das Projekt unter Federführung und Finanzierung der Stadt Beelitz fand im Zuge des laufenden Bewerbungsverfahrens um den Titel „Fair Trade Town“ statt. Dazu gehört auch Bildungs- und Informationsarbeit zum Thema „Fairer Handel“. Und die ist besonders nachhaltig, wenn die Schüler das praktische Beispiel jeden Tag mit sich tragen, sagt Projektkoordinator Michael Steinland.

Jetzt sind die Taschen über den langen Seeweg vom Kap der Guten Hoffnung nach Deutschland in Beelitz angekommen. Während jene des Sally-Bein-Gymnasiums einheitlich in den Schulfarben Blau, Rot und Weiß gehalten sind, bestechen jene der Solar-Oberschüler durch viele verschiedene Farben und mit dem sichtbaren Schriftzug der Schule auf dem Überschlag. Welches Fach wo sitzen muss und was hineinpassen soll, hatte man sich im Vorfeld gut überlegt.
 
Gefertigt wurden die Umhängetaschen aus Werbebannern, die vor allem im Zuge der Fußball-WM 2010 in Südafrika zu Hauf angefallen sind. „Ein so umfassendes Recycling-System wie bei uns gibt es dort nicht, dennoch sind die Planen kein Abfall, sondern ein Rohstoff“, erläuterte Steinland die Idee hinter dem Projekt den Schülern. Eine weitere ist die Unterstützung der armen Bevölkerung in dem wirtschaftlich immer noch gespaltenen Land, denn die Taschen sind in den Townships von Kapstadt von freiberuflichen Näherinnen hergestellt worden, die mit der Arbeit ihren und den Lebensunterhalt ihrer Familien bestreiten.
 
Wie das Projekt vor Ort zustande kam, erfuhren die Schüler aus erster Hand – per Videotelefon-Verbindung nach Kapstadt. Dort hat der gebürtige Potsdamer Peter Kirsten das Label „Re-Load. Bags for the World“ bereits vor mehreren Jahren etabliert. Das unterstützt – auch mit dem Erlös der Beelitzer Taschen – den Bau eines Kindergartens. Fünf Näherinnen sowie zwei weitere Mitarbeiterinnen für Zuschnitt und Reinigung sind mit der Produktion beschäftigt, berichtete Kirsten  den Schülern. Pro Woche könnten so bis zu 120 Taschen hergestellt werden. Die Arbeitszeiten sind klar geregelt, pro Tag verdient eine Näherin – auch das wollten die Schüler wissen - zwischen 20 und 30 Euro, was für dortige Verhältnisse relativ viel sei.
 
Die Schüler indes sind in erster Linie stolz auf ihre eigene Designer-Arbeiten. Der Fair-Trade-Gedanke, also Ressourcen zu schonen und Produzenten auch in ärmeren Ländern an wirtschaftlichen Erlösen zu beteiligen, schwingt dabei aber immer mit. Zumal neben den Taschen selbst auch Grüße von den Herstellerinnen in Beelitz angekommen sind – per „What’s App“: „Sheila, Beverly, Lorna, Wasiema und ich, Vanessa, sind stolz und glücklich, dass unsere Arbeiten bei Euch angekommen sind. Mit Eurer Bestellung habt Ihr mit dafür gesorgt, dass unser Leben und das unserer Enkel besser wird.“

Foto: die Beelitzer Schülerinnen Lea, Leni und Anna vom Sally-Bein-Gymnasium mit ihren neuen Taschen aus fairem Handel.

Text und Bilddatei © Thomas Lähns
Pressesprecher der Spargelstadt Beelitz

 

 

 

Fair-Handlungssache

Informationen aus unserer Stadt 28. Jahrgang | Nr. 10 | 22. November 2017 BN

Als zweite Stadt Brandenburgs nach Eberswalde will Beelitz „Fairtrade-Town“ werden

Der Preisunterschied gar nicht so groß, wie mancher es erwarten mag: Für knapp sieben Euro erhält man bereits ein Kilo Fairtrade-Kaffee. Der schmeckt vielleicht nicht immer anders als herkömmlicher - aber man kann die Herkunft der Bohnen genau zurückverfolgen. Und man hat die Gewähr, dass Anbau, Ernte und Weiterverarbeitung unter menschenwürdigen Bedingungen erfolgt sind. Genau so ist es auch mit Textilien, Blumen, Gewürzen und vielen anderen Produkten, die das Fairtrade-Siegel tragen. Die Stadt Beelitz will sich der internationalen Bewegung, die den sogenannten „fairen Handel“ vor allem mit Ländern in der Dritten Welt fördert, anschließen und als zweite Stadt in Brandenburg den Titel „Fairtrade-Town“ erwerben. Bislang darf sich nur Eberswalde so nennen. Dabei bedarf es gar nicht viel, um auf diesem Wege ein Zeichen zu setzen:

Unter anderem müssen Fairtrade-Produkte in öffentlichen Einrichtungen angeboten werden, mindestens fünf Gewerbetreibende - Maßstab ist die Einwohnerzahl - müssen ebenfalls jeweils zwei Erzeugnisse mit dem grün-blauen-Siegel in ihrem Sortiment haben. Zudem soll es Projekte in den Bildungsstätten geben. Die institutionellen Voraussetzungen hat die Stadt indes bereits geschaffen:

Ein Beschluss, dass Beelitz sich beim Verein „Fairtrade Deutschland“ um den Titel bewirbt, ist durch die Stadtverordnetenversammlung bereits im September gefasst worden - einstimmig. Mittlerweile hat sich auch die Steuerungsgruppe mit Vertretern aus Gewerbe, Kirche, Politik und Verwaltung, die den Bewerbungsprozess begleitet, konstituiert. Die fachliche Leitung hat Michael Steinland übernommen, der als Projektkoordinator seit diesem Jahr für Beelitz im Einsatz ist. Die Stelle wird vom Bund gefördert. „Die Bundesregierung verfolgt den Ansatz, nicht mehr allein und exklusiv Entwicklungshilfe zu betreiben“, erläutert Steinland. Mittlerweile habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass auch Kommunen einen wesentlichen Beitrag leisten könnten, wenn sie mit Partnern in der Dritten Welt zusammenarbeiten.

Einen ersten Ansatzpunkt für eine solche Zusammenarbeit gibt es bereits: Ende August hatte die Botschafterin der lateinamerikanischen Republik Nicaragua die Spargelstadt besucht und den Erfahrungsaustausch mit einer landwirtschaftlich geprägten Region in ihrem Heimatland vorgeschlagen. Dieser Vorschlag soll in nächster Zeit weiterverfolgt und - idealerweise - auch im Hinblick auf eine Beelitzer Landesgartenschau 2022 mit konkreten Projekten untersetzt werden.

Zunächst sollen jedoch erst einmal weitere Mitstreiter in der Spargelstadt selbst gefunden werden, die sich der Fairtrade-Idee anschließen - in den Vereinen, in der Wirtschaft und der Bürgerschaft insgesamt. Red.

© TransFair e.V. / Fotograf: Ilkay Karakurt
© TransFair e.V. / Fotograf: Ilkay Karakurt

 

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