15.08.2014 / Beelitz
 

"Mit so vielen Kindern hat niemand gerechnet"


Regina Breyer ist seit vier Jahren für den Baby-Willkommensdienst in der Stadt und den Ortsteilen unterwegs. Mittlerweile hat sie über 250 frischgebackene Eltern besucht. Ein Interview

Wenn jemand in Beelitz ein Kind bekommt, gehören Sie zu den Ersten, die es sehen dürfen. Frisch gebackene Eltern stehen ja erst einmal unter großem Druck - wie reagieren die, wenn Sie vor der Tür stehen?

Die Besuche werden ja im Vorfeld vereinbart und die Reaktionen sind durchweg positiv, zumal manchmal sogar der Bürgermeister dabei ist oder die Hauptamtsleiterin Frau Kiesel. Die Eltern sehen daran, wie wichtig ihre junge Familie der Stadt ist. Unser Angebot wird dankbar angenommen und bei vielen gibt es sogar schon eine Erwartungshaltung. Die fragen ein paar Tage nach der Geburt dann schon im Rathaus nach, wo wir denn bleiben.

Sie kommen ja auch nicht mit leeren Händen…

Richtig. Unser Begrüßungsbeutel füllt sich zusehends, weil immer mehr Gewerbetreibende mitmachen und Gutscheine oder kleine Geschenke sponsern. Auch unsere „Strick-Omis“ sorgen fleißig für Söckchen und Mützen. Das ist ein tolles Zeichen dafür, dass Kinder in unserer Stadt herzlich willkommen sind.

Sie sind seit vier Jahren unterwegs und haben mittlerweile über 250 Kinder in Beelitz willkommen geheißen. Das klingt nach Stress.

Am Anfang hieß es, es würden höchstens 50 Besuche im Jahr anfallen, jetzt sind es schon bis zu 80 - und ich war schon in wirklich jedem Orts– und Gemeindeteil im Einsatz. Dass in Beelitz so viele Kinder geboren werden, damit hatte im Vorfeld niemand gerechnet und es ist wirklich großartig. Ich lege mir immer mehrere Termine auf einen Tag und plane die Strecke, insoweit ist das gut zu handhaben.

Sie könnten Ihren Ruhestand aber auch anders verbringen - was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Es ist schön zu sehen, dass nach wie vor Kinder geboren werden. Und wenn man so viel mit jungen Eltern zu tun hat, dann bleibt man am Leben dran und gehört dazu. Mittlerweile bin ich bei einigen auch schon zum zweiten Mal gewesen, weil nach zwei oder drei Jahren das nächste Kind geboren wurde.

Sie hatten vor ihrem Ruhestand die Oberschule geleitet. Haben Sie auch schon frühere Schüler wiedergetroffen?

Schon einige. Oft gibt es einen Aha-Effekt an der Haustür, denn vor allem bei den Mädels weiß ich das nicht im Vorfeld, weil sich ihr Familienname durch Heirat geändert hat. In den Gesprächen wird oft deutlich, dass sie Ausbildung oder ihr Studium woanders gemacht haben und nun zurück nach Beelitz gezogen sind, in ihre Heimat.

Sie sind auch da, um den Eltern Rat zu geben. Welche Fragen kommen da auf?

Es sind ganz vielfältige Dinge, die angesprochen werden. Das reicht von der Frage, wo es in Beelitz noch Baugrundstücke gibt über Tipps, wer einem Gardinen näht, bis hin zu finanziellen Fragen - welche Unterstützung man beantragen kann und wo. Gerade hier gibt ein tolles Angebot des Familienzentrums: Im Schwangerschaftscafé können werdende Eltern die Anträge schon ausfüllen und bekommen dann nach der Geburt ohne Verzögerung ihr Mutterschafts– und später Elterngeld. Mir wurde auch hin und wieder die Frage gestellt, wie man ein Tempolimit in der eigenen Straße durchsetzen kann. Wenn man Mutter oder Vater wird, spielen plötzlich ganz neue Dinge eine Rolle.

Sind Eltern heute anders als früher?

Sie sind vorsichtiger, durch die vielen medialen Einflüsse auch ein Stück weit verunsichert. Sie achten zum Beispiel genau darauf, das möglichst alles desinfiziert und keimfrei ist - und wundern sich dann über die ersten Allergien bei ihrem Kind. Manche machen sich auch Sorgen beim Thema Impfung und würden das am liebsten gar nicht machen lassen.

Liegt es daran, dass viele erst recht spät Eltern werden?

Das spielt sicher eine Rolle. Blutjunge Mütter mit 18, wie es sie früher oft gab, habe ich noch gar nicht erlebt. Die Prioritäten liegen erst einmal auf Ausbildung und einem guten Start ins Berufsleben.

Was sagen Sie so besorgten Eltern?

Dass das Kinder-Bekommen ein ganz natürlicher Vorgang ist. Eltern zu werden ist für jedes Paar immer etwas Besonderes und soll es auch sein - aber es ist auch etwas ganz Selbstverständliches.

Also ist die Gründung einer Familie nicht schwieriger als vor 30 Jahren?

Ich würde sogar sagen, dass sie einfacher geworden ist, unser Staat ist kinderfreundlich. Man bekommt Unterstützung, auch finanziell, muss allerdings wissen, an wen man sich wendet. Nachholbedarf bei der Akzeptanz von Kindern besteht oft noch in der Gesellschaft. Wir in Beelitz sind da schon sehr weit - unter anderem mit dem Willkommensdienst, der ja 2010 vom Bürgermeister initiiert wurde und so starke Unterstützung erfährt. Auch das gemeinsame Pflanzen von Obstbäumen am Weltkindertag findet sehr viel Beachtung. Mittlerweile werden diese Ideen auch von anderen Kommunen übernommen.

 
Text - Bilddatei  © Thomas Lähns - Pressesprecher Stadt Beelitz

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