05.08.2014 / Beelitz
 

"Eine jede Kugel, die trifft ja nicht" - Der Erste Weltkrieg in der Beelitzer Zeitung

Der 1. August 1914 bedeutete auch für die Beelitzer einen Einschnitt: „Die sich in der Welt überstürzenden Ereignisse warfen ihre grellen Schlaglichter in unser sonst so ruhiges Städtchen. Vor vielen Türen sah man Gruppen diskutierender Bürger, auf deren Gesichtern sich ein tiefer Ernst widerspiegelte“, schrieb die Beelitzer Zeitung am nächsten Tag, einem Sonntag. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschäftigte die Bewohner der Spargelstadt mehr als irgendein Ereignis zuvor. Die Beelitzer Zeitung, 1884 vom Verleger Gustav Kliemchen gegründet, trug dabei nicht nur die internationalen Entwicklungen in die Haushalte, sie spiegelte auch die Reaktionen der Einwohnerschaft wider. Heute, 100 Jahre später, zeigt sie, dass die Einwohner nicht nur von Euphorie, sondern auch von großer Unsicherheit erfüllt waren.

„Im August 1914 begann mit verheerender Kraft, was sich lange andeutete und was scheinbar ohne Alternative die Welt in einen Krieg verwickelte, dessen katastrophale Zerstörungskraft keiner zu denken vermocht hatte. Die Idylle der Sommerferien und das Maß des alltäglichen Lebens sollten für lange Zeit überschattet werden“, sagt der Historiker Manfred Fließ. Er hat zusammen mit seinem Kollegen Uwe Schneider Ausschnitte der Beelitzer Zeitung geborgen und zum 100. Jahrestag des Ausbruchs der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ aufbereitet. Langfristig sollen die zeitgenössischen Beiträge in einem Buch veröffentlicht werden, vorerst erscheinen sie in den Beelitzer Nachrichten.

Vor allem während der Juli-Krise hatte sich eine „immer stärkere Beunruhigung der Bevölkerung und tiefe Erschütterungen im Handel und Gewerbe in beängstigender Weise bemerkbar“ gemacht, heißt es in dem Artikel vom 2. August. Es sei wünschenswert, dass diesem unglücklichen Zustande bald „auf irgend eine Weise ein Ende bereitet wird“. Dass dieses Ende nun Krieg bedeutet, wurde vor allem von der jüngeren Generation mit Jubel aufgenommen. So vermerkt die Beelitzer Zeitung am 4. August, „daß in den Abendstunden Unfug von jungen Leuten durch Ansammlungen auf Straßen und besonders im Lustgarten durch unnötiges Kreischen und Lärmen getrieben wird“. Es folgt der Aufruf, die Empfindungen der Mitbürger nicht durch jugendlichen Übermut zu verletzen.

In der jüdischen Gemeinde wurde indes ein Bittgottesdienst abgehalten. „Im Mittelpunkte der würdigen, von heiligem Ernste erfüllten Feier stand eine längere Ansprache des Herrn Direktor Bein, welche mit einem Gebet für Kaiser und Reich schloß…“. Indes gingen in der Redaktion von Kliemchens Stadtblatt immer mehr Zusendungen und Gedichte ein. „Vaterländische Begeisterung drückt in diesen Tagen Unzähligen die Feder in die Hand“, heißt es nicht ohne Ironie des Herausgebers. „Unser Blatte müßte doppelten und dreifachen Umfang haben, um all das fassen zu können, was sich in diesen Stunden eifernder Liebe nach Veröffentlichung sehnt.“

Auf der anderen Seite übt sich das Blatt aber auch in fatalistischem Optimismus: In einem weiteren Beitrag wird vorgerechnet, dass großen Geschütze aufgrund der Entfernung ungenau seien nur jeder 151. Kanonenschuss den Gegner tödlich treffe. Und dass erst der 3300. Gewehrschuss sein Ziel erreiche. Dies hätten Erfahrungen aus dem letzten modernen Krieg – dem russisch-japanischen (1904/05) – gezeigt. In dem Artikel wird ein altes Soldatenlied zitiert: „Adieu Louise, wisch ab den Gesicht. Eine jede Kugel, die trifft ja nicht.“ Auch in Beelitz ahnte man noch nichts von Stellungsschlachten, Giftgasangriffen oder den ersten Panzern.

Und so wird am 15. August – wenn auch nur kurz und knapp – der erste Tote aus der Region beklagt. Dabei handelte es sich um den Büdernsohn Lobbes aus Dobbrikow. Zwei Wochen später kam dann auch der erste Hilferuf des Militärs an die Zivilbevölkerung: „Ich bitte um schnelle und reichliche Gaben an die Sammelstellen des Roten Kreuzes und der Ritterorden“, heißt es in einem Aufruf des Vize-Militär-Inspektors an die Einwohner des Kreises Zauch-Belzig. Aufgeführt werden darin Güter wie Tabak, Konserven, Schokolade, Taschenmesser, Briefpapier oder Zahnbürsten. Aber auch wollene Strümpfe, Unterjacken, Leibbinden und Lebkuchen wurden erbeten. Ende August war offenbar schon abzusehen, dass entgegen aller Hoffnungen zu Weihnachten noch kein Soldat zuhause sein wird.

 
Text - Bilddatei  © Thomas Lähns - Pressesprecher Stadt Beelitz

index

 
  
  
 
   
  

Impressum        Bildmaterial: wenn nicht anders angegeben:     Gérard Lorenz